Willkommen im Allgäu
Die Flucht verläuft reibungslos. Wie sich herausstellt, bin ich nicht nur Gefangener, sondern auch Aufseher. Das sagt einem nur keiner. Das Fluchtfahrzeug meiner Wahl ist ein ICE von Berlin nach München. Von dort geht’s auf eine einsame Alm im Allgäu. Hier will ich mich anderen Fragen stellen als Welche Deadlines stehen diese Woche an? und Wo ist diese verdammte Datei? Angekommen in der Meditationshalle, setze ich mich auf ein Kissen neben dem Altar mit der Buddhastatue. Jemand gongt sanft eine Klangschale. Ihr Ton verklingt und schmilzt allmählich in die Stille des Raums. Durchatmen. Entspannen. Keine Anrufe, keine E-Mails, keine Workshops. Nur ich und mein Bewusstsein. Endlich abschalten. Es könnte so schön sein – wäre da nicht diese ständige Denkerei.
Die Sache mit dem Denken
Das Erste, was ich beim Meditieren lerne: In meinem Kopf wohnt ein Affe, der unaufhörlich Gedanken um sich schleudert. Das Zweite: Meine Gedankenmuster aus dem Alltag sind mit aufs Retreat gekommen. Wie nett von ihnen! Sie scheinen an mir festzukleben. Oder klebe ich an ihnen fest? Hier liegt die Crux – für uns alle. Unsere Gedankenmuster färben unsere Wahrnehmung des Lebens. Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie wir sind. Wir stülpen der Welt unsere Vorstellungen über und ärgern uns, wenn die Welt ihnen nicht entspricht. Das ist irgendwie lustig und irgendwo traurig. Wir merken es nicht mal. Ich bin voller Erwartungen an die kommenden Wochen. Ich will in tiefe Meditation versinken, mich in Dopamin baden, das Leben verstehen und furchtbar weise werden. Na, wenn’s weiter nichts ist, wa? In Wirklichkeit ist es eher so, als würde ich einen Stall ausmisten. Ich gewinne nichts dazu, werde aber jede Menge los.Der Tierarzt mit den Invasionsplänen
Natürlich meditiere ich nicht den ganzen Tag. Am Vormittag arbeite ich. Gemüse schnippeln, Flur saugen, Schafstall bauen, Kartoffeln pflanzen. Viel Körperarbeit, wenig Kopfarbeit. Eine willkommene Abwechslung für jemanden wie mich. Nur das eine Mal – da wird‘s erst herzergreifend und dann bizarr.
Herzergreifend, weil eines der Schafe krank ist. Seine Augen sind mit Eiter verklebt, das Tier ist fast erblindet. Also rufen wir den Tierarzt – ein alter Herr mit grauem Haar und mehr Falten als Gesicht. Ich, seelig und durchmeditiert, begrüße ihn und bemerke nach kurzer Zeit, dass der Mann sehr gerne redet. Äußerlich höre ich geduldig zu, während ich innerlich aufstöhne.
Bevor ich mich versehe, schildert er mir, wie Putin mit der Armee in die Türkei einfallen könnte, um dort mal „richtig aufzuräumen.“ Aha, denke ich. In seinem Kopf wohnt also auch ein Affe, der mit Gedanken um sich wirft. Ich seufze erleichtert, als der Tierarzt seinen Koffer packt und wieder losfährt.
Bevor ich mich versehe, schildert er mir, wie Putin mit der Armee in die Türkei einfallen könnte, um dort mal „richtig aufzuräumen.“ Aha, denke ich. In seinem Kopf wohnt also auch ein Affe, der mit Gedanken um sich wirft. Ich seufze erleichtert, als der Tierarzt seinen Koffer packt und wieder losfährt.
Gleicher Hamster, anderes Rad?
Die ersten zwei Wochen sind pure Erholung. Die Seele atmet auf, der Verstand kommt zur Ruhe. In der dritten Woche schleicht sich die Langweile ein. Waren das nicht aufregende Zeiten, als ich noch Deadlines hinterherjagte? Ich ertappe mich bei diesem Gedanken und nicke dem Affen anerkennend zu. Beinahe hätte er mich erwischt. Für mich Stadt- und Büromenschen dauert es eine Zeit, bis ich mich an die ruhige Gleichförmigkeit der Tage gewöhne. Alles ist so… einfach. So unkompliziert. Anfangs ist das schwer zu ertragen. Nur langsam lässt der Geist von seiner angespannten Zielstrebigkeit ab und macht Raum für Entspannung. Ich bin erstaunt. Um sich friedlich zu fühlen, muss man nichts erreichen. Man muss nur loslassen. Das ist das revolutionäre und simple Geheimnis.